Wie Vergewaltigung verarbeiten

Frage: Vor ein paar Jahren wurde ich (18, weiblich) von einem Mann in unserem Bekanntenkreis mehrfach sexuell missbraucht. Er hat mir angedroht, mich umzubringen, wenn ich etwas sage. Meine psychische Verfassung zur Zeit ist gar nicht gut. Ich fühle mich oft depressiv, habe auf nichts Lust, keinen Antrieb, will gar keine Menschen kennenlernen – schon gar nicht Männer. Ich habe angefangen, mich selbst zu verletzen. Irgendwie hilft mir das. Obschon ich ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern habe, habe ich nicht den Mut, mit ihnen darüber zu reden. Das ganze ist ja schon lange zurück, und ich weiss auch nicht, ob meine Depressionen überhaupt damit zu tun haben.

Antwort: Gut, dass du dich getraut hast, zu schreiben. Mach einen weiteren Schritt in diese Richtung. Die geeignete Hilfe findest du bei einem Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst in deiner Wohnregion. Diese befinden sich meist in den grösseren Ortschaften eines Kantons. Denke nicht, dass nur Leute, die irgendwie übergeschnappt sind, da hingehen. Viele Menschen kennen psychische Probleme, wie du sie beschreibst – und viele Menschen beschäftigen sich beruflich damit. Sie wissen viel über Depressionen, Selbstverletzung, seelische Verletzungen und wissen auch, welche Massnahmen am geeignetsten sind, damit es dir bald wieder besser geht. Nütze ihr Wissen. Es kann dir helfen. Dein Problem wird von einer Fachperson auf jeden Fall ernst genommen, unabhängig davon, wie weit das Ereignis zurückliegt. Gleichzeitig wird auf keinen Fall jemand etwas erfahren, wenn du das nicht willst. Fachpersonen stehen unter Schweigpflicht.

Oft leiden Menschen mit ähnlichen Erfahrungen lange unter der Verletzung, Erniedrigung und der Angst und möglichen Schuldgefühlen, bevor sie sich getrauen Hilfe zu holen. Dann aber machen die meisten die Erfahrunge, dass sich ihr Wohlbefinden verbessert und das schlimme Erlebnis mit der Zeit verarbeitbar ist. Du hast einen ersten Schritt gemacht, ich möchte dir Mut machen, einen weiteren zu tun. Zum Beispiel indem du mal beim Kinder und Jugendpsychiatrischen Dienst anrufst oder indem du dich ans Nottelefon für Frauen gegen sexuelle Gewalt wendest 044 291 46 46 oder an die Beratungsstelle Castagna für junge Frauen www.castagna-zh.ch.

Das selbstverletzende Verhalten ist oft ein verzweifelter Versuch, innere Spannungen abzubauen, sich selber zu spüren und durch den Schmerz mit dem Leben verbunden zu sein und je nachdem auch ein stummer Aufschrei in der unbewussten Hoffnung, dass jemand etwas merkt. Da du ein gutes Verhältnis zu deinen Eltern hast möchte ich dir Mut machen, mit ihnen darüber zu sprechen wie es dir geht. Du brauchst immer nur jeweils das zu sagen, was du möchtest. Es kostet manchmal Überwindung, etwas von sich zu zeigen, aber es kann sehr hilfreich sein, Menschen um sich zu haben, denen man etwas von sich erzählen kann. Auch hiezu wünsche ich dir den gleichen Mut den du gefasst hast, indem du uns geschrieben hast.

 
© 11.09.2010 pro juventute
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