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Das Coming-out – soll ich mich outen?

Was bedeutet Coming out? Als Coming-Out (von englisch «herauskommen») wird der Schritt bezeichnet, durch den eine lesbische oder bisexuelle Frau oder ein schwuler oder bisexueller Mann erst vor sich und danach auch seiner Umwelt gegenüber zu seiner Homosexualität steht. Coming-Out bedeutet, einen länger dauernden Prozess zu bewältigen.
Weil ihnen viele falsche Zuschreibungen und Vorurteile entgegengebracht werden, kann das Coming-Out für Schwule und Lesben zu einem schwierigen und schmerzlichen Prozess werden. Homosexuelle Menschen fühlen sich oft «anders» und «alleine», wenn sie sich das erste Mal ihrer gleichgeschlechtlichen Partner-/Partnerinnenorientierung bewusst werden. Viele fürchten, von der Familie, den Freunden und Arbeitskollegen zurückgewiesen oder ausgestossen zu werden und halten sich daher zurück. Manche Homosexuelle leben deshalb auch mehr oder weniger lange ein Doppelleben, das heisst, sie geben sich in ihrem sozialen und beruflichen Umfeld heterosexuell und leben ihre Homosexualität heimlich aus. Manche schaffen es ihr ganzes Leben lang nicht, offen zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen. Aus diesen Gründen gibt es keine verlässlichen Zahlen darüber, wann Homosexuelle bevorzugt ihr Coming-Out machen.
Der Prozess des Coming Out kann grob in einen inneren und einen äusseren Weg unterteilt werden. Der innere Weg verläuft von der Ahnung zum Wissen über das eigene Lesbisch- bzw. Schwulsein und von da weiter zum Akzeptieren und Sich-selber-so-Annehmen. Beim äusseren Weg geht es darum, sein Schwul- bzw. Lesbischsein nach aussen zu tragen, das Umfeld, die Familie, Freunde und Freundinnen aber auch Kollegen und Kolleginnen in der Schule bzw. am Arbeitsplatz zu informieren. Und natürlich auch, selbstverständlich als schwuler Mann bzw. als lesbische Frau zu leben. Ist der Coming-Out Prozess einmal vollzogen, fühlen sich viele Homosexuelle erleichtert. Die während langer Zeit ständig präsenten Ängste und Unsicherheiten sind überwunden und manchmal kaum noch nachvollziehbar.

Soll ich mich outen? Vielleicht hast du im Lauf der Zeit bemerkt, dass du Menschen deines eigenen Geschlechts näher stehst als anderen, dass du dich von ihnen stärker angezogen fühlst. Vielleicht bist oder warst du sogar schon verliebt. Und trägst dich nun mit dem Gedanken, herauszutreten, also dich zu outen und zu deiner Homosexualität zu stehen. Es kann aber auch sein, dass du dich in einem Konflikt mit dir selber befindest. Weil du spürst, dass du homosexuell bist und gleichzeitig weisst, dass deine sexuelle Orientierung (also deine Vorliebe für Menschen des gleichen Geschlechts) nicht der Mehrheit entspricht. Zum Beispiel weil du mitbekommen hast, wie an deiner Schule, bei dir zu Hause, in den Medien oder sonst in der Gesellschaft über Homosexualität geredet wird. Daher verdrängst und verleugnest du vielleicht deine Neigung vor dir selber und denkst: «Nein, das kann nicht sein. Ich bin nicht so. Ich will nicht so sein!“. Mit der Zeit wirst du merken, dass es für deine Gefühle und Vorlieben keine Rolle spielt, ob du sie haben willst oder nicht. Sie sind einfach da. Und dass du letztlich die Wahl hast, ob du zu dir und zu deiner Homosexualität stehen oder in ständiger Spannung und Zerrissenheit leben willst. Der Prozess zum selbstverständlichen Schwul- bzw. Lesbischsein kann lang sein und ist oft mit Ängsten und Unsicherheiten verbunden. Nicht alle Menschen schaffen diesen Schritt. Sie schämen sich Jahre oder gar Jahrzehnte für ihre Sexualität und verleugnen sie vor sich selbst und den anderen. Bei manchen führt dies zu seelischen und körperlichen Erkrankungen, einige begehen sogar Selbstmord.

Mögliche Vorteile eines Coming-Outs
- Du musst dich nicht mehr verstecken und kannst ganz zu dir, deiner Orientierung und deinen Gefühlen stehen.
- Du musst keine Ausreden mehr erfinden und kannst offener und ehrlicher zu den anderen sein.
- Du triffst eher auf gleichgesinnte Menschen.

Mögliche Nachteile eines Coming-Outs
- Du wirst Vorurteilen begegnen und durch gewisse Reaktionen vielleicht verletzt werden.
- Deine Eltern, Geschwister und Freunde werden vielleicht einige Zeit brauchen, bis sie mit der neuen Situation umgehen können.

Wie könnte ich vorgehen? Es gibt keinen Königsweg für das Coming-Out. Du musst für dich und ausgehend von deiner eigenen Lebensgeschichte herausfinden, welche Art von Coming-Out angebracht ist. Für eine Jugendliche bzw. einen Jugendlichen in der Pubertät zum Beispiel ist das Coming-Out etwas anderes als für jemanden der schon verheiratet ist und Kinder hat. Wichtig ist, dass du vor Inangriffnahme einer Umsetzung nach aussen erste Schritte auf dem inneren Weg gegangen bist und deine Homosexualität vor dir selber akzeptiert hast. So wird es dir leichter fallen, mögliche Verletzungen zu verarbeiten. Und du kannst so auch selbstbewusster zu deiner sexuellen Orientierung stehen. Der Weg zum Coming-Out kann langsam und in Schritten oder quasi von einem Tag zum anderen geschehen. Jede Person muss für sich selbst entscheiden, welche Art ihr am ehesten zusagt. Für die meisten Menschen ist es eine Mischung aus beiden Vorgehensweisen.

Coming-Out bei Freunden: Die Personen, denen man sich vermutlich am ehesten anvertraut, sind Freunde und Freundinnen. Wahrscheinlich ist ein Gespräch über die eigene sexuelle Orientierung im intimen Rahmen einfacher als in einer grösseren Gruppe von Freunden. Beachte, dass dir nahe stehende Freunde bzw. Freundinnen des gleichen Geschlechts irritiert sein könnten und vielleicht nicht recht wissen, wie sie reagieren sollen. Sie könnten deine gleichgeschlechtliche Orientierung auf sich beziehen und sich fragen, ob bei eurer Freundschaft von deiner Seite immer schon homoerotische Gedanken mit im Spiel waren. Räume bei deinem Coming-Out deshalb gleich von Anfang an möglichst viele Missverständnisse aus. Und vermeide es, deinen allerersten Schritt nach aussen bei der Person zu machen, in die du verliebt bist. Das könnte unter Umständen zu einer herben Enttäuschung werden und dich für weitere Schritte verunsichern.

Coming-Out bei Eltern: Wie soll ich es den Eltern sagen? Wann ist der richtige Zeitpunkt dafür? Wie werden sie reagieren? Den «richtigen» Zeitpunkt gibt es nicht, aber wahrscheinlich Momente, die besser geeignet sind als andere. Wann du deine Eltern informieren willst, bestimmst du ganz alleine. Wenn du dich schon einem Freund oder einer Freundin anvertraut hast, kannst du ja vielleicht mit ihm bzw. mit ihr vorgängig besprechen, wie du vorgehen könntest. Und sollte es zu einem Streit kommen, kann er bzw. sie dir beistehen und dich stärken. Die Reaktionen von Eltern können ganz unterschiedlich sein. Einige reagieren verständnisvoll, andere können es nicht fassen oder rasten sogar aus. Wieso reagieren manche Eltern erschrocken? Genauso, wie es für die Betroffenen anfänglich meist schwierig ist, mit der eigenen Homosexualität umzugehen, ist dies auch für Eltern eine Herausforderung. Vielen Eltern fällt es schwer, Homosexualität mit ihrem Kind in Verbindung zu bringen. Durch die neue Situation werden sie zudem gezwungen, all ihre Vorstellungen und Zukunftsentwürfe zu überdenken. Wenn sie allenfalls sogar negative Vorurteile über Homosexuelle haben, sehen sie sich plötzlich mit etwas konfrontiert, dem sie bisher lieber ausgewichen sind oder das sie aus der Ferne be- und verurteilt haben. Und auch wenn Eltern eine grundsätzlich offene Einstellung gegenüber Homosexualität haben, können sie anfänglich mit Verunsicherung reagieren. Letztlich kann niemand für den einzelnen Fall voraussagen, wie Eltern reagieren werden. Und auch eine Prognose über die Zeit nach dem Coming-Out und darüber, wie sich die Beziehung zu den Eltern entwickeln wird, ist nicht möglich. Auf der Webseite www.fels-eltern.ch finden betroffene Eltern Informationen, Erfahrungsberichte und Adressen von Beratungsangeboten. Auf der Webseite kann auch eine Broschüre für Eltern von gleichgeschlechtlich liebenden Kindern bestellt werden.

Wie es andere gemacht haben: Interessant und aufschlussreich zu lesen sind Erlebnisberichte von schwulen und lesbischen Jugendlichen zu ihrem Coming-Out. Du findest solche zum Beispiel unter www.dbna.net oder auf www.comingoutday.ch

Spickzettel  
- Es braucht oft Zeit, sich seiner sexuellen Orientierung bewusst zu werden.
- Das Coming out kann Zeit und Mut brauchen und ist sowohl ein innerer wie äusserer Prozess.
- Für das Vorgehen gibt es verschiedene Wege. Du bist nicht alleine mit den Fragen die sich dir stellen. Tipps findest du im obigen Text, Adressen und Links unten.

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