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Homosexualität früher und heute – Fakten und Vorurteile

Homosexualität früher: Lange Zeit galt männliche Homosexualität grundsätzlich als abartig, unnatürlich und pervers und wurde strafrechtlich verfolgt. So existierte in der Schweiz beispielsweise bis ins Jahr 1942 eine allgemeine Strafbarkeit für homosexuelle Handlungen zwischen Männern. Und erst im Jahre 1992 wurde das Schutzalter für homosexuelle Handlungen mit demjenigen für heterosexuelle Handlungen gleichgestellt und damit Homosexualität gänzlich entkriminalisiert. Während dem Zweiten Weltkrieg wurden homosexuelle Männer von den deutschen Nazis mit einem rosa Winkel gekennzeichnet und zu Tausenden in Konzentrationslagern entweder umgebracht oder zwangskastriert. Noch heute ist Homosexualität in vielen Ländern strafbar, in einigen sogar mit dem Tode bedroht. Obwohl sich in den letzten Jahrzehnten viel geändert hat, werden Homosexuelle vielerorts immer noch ungleich behandelt und von vielen Menschen als abartig und minderwertig betrachtet oder sogar ausgestossen.

Homosexualität heute: Viele Frauen stehen Homosexuellen und Homosexualität eher offen gegenüber. Gegen Lesben haben Männer (zumindest auf den ersten Blick) nichts. Dies hat mit dem männlich-heterosexuell geprägten Blick auf Frauen zu tun. Gegenüber Schwulen, sind viele Männer skeptisch. Manche von ihnen haben grosse Angst davor, homosexuell zu wirken (oder gar zu werden) und vermeiden daher jedes Verhalten, das auch nur annähernd mit Homosexualität in Verbindung gebracht werden könnte. Dadurch entsteht unter Männern oft ein berührungsfeindlicher und distanzierter Umgang, der auch weitgehend das Klima in vielen Männerfreundschaften prägt.

Homosexualität in der Schule: In Oberstufenschulen ist das Interesse an sexueller Orientierung meist gross – denn alle sind im Begriff, ihre sexuelle Identität zu suchen oder zu festigen. Das Schulprojekt GLL (Gleichgeschlechtliche Liebe leben) und das ABQ-Schulprojekt greifen diesen Umstand auf: Schwule, lesbische und bisexuelle Männer und Frauen besuchen deine Schulklasse, erzählen aus ihrem Leben, diskutieren mit den Jugendlichen und beantworten Fragen.
Kontakt:
GLL: E-Mail kontakt[at]gll.ch, Website www.gll.ch
ABQ: E-Mail abq[at]abq.ch, Website www.abq.ch

Haltungen und Vorurteile:
- «Ich respektiere Menschen grundsätzlich und bringe ihnen Wertschätzung entgegen.» Eine Haltung, die ein Mensch einem anderen ungeachtet seiner sexuellen Orientierung und Wertvorstellungen entgegenbringt.
- «Homosexualität ist unnatürlich.» Oft wird behauptet, Sexualität diene einzig der Fortpflanzung und das sei von der Natur (bzw. von Gott, der die Natur so geschaffen habe), vorgesehen. Aber: der weitaus grösste Teil der menschlichen Sexualität dient nicht der Fortpflanzung, sondern primär dem Lustgewinn und der Festigung der Beziehung.
- «Homosexuelle sind abnormal und krank.» Dahinter steckt die falsche Annahme, dass sich Homosexuelle nicht «normal» entwickelt haben, zum Beispiel, weil in ihrer Kindheit etwas schief gelaufen ist. Oder weil ein genetischer Defekt vorliegt. Dies trifft nicht zu. Bei der Entstehung jeder sexuellen Orientierung spielen biologische, psychologische und soziale Komponenten eine Rolle.
- «Ich habe nichts gegen Schwule, solange sie mich in Ruhe lassen.» Viele Jungs und Männer argumentieren so. Weil sie glauben, Homosexualität sei ansteckend oder weil sie meinen, Schwule seien «Sexmonster» die reihenweise Jungs und Männer vergewaltigen. Beides trifft nicht zu. Hingegen habe viele Jungs und Männer Angst, als schwul betrachtet zu werden, und grenzen sich daher lautstark ab.
- «Ich bin Homosexuellen gegenüber tolerant.» Diese Haltung ist geprägt von einer hierarchischen Sichtweise. Der Angehörige einer Mehrheit blickt auf Angehörige einer Minderheit und räumt ihnen aus der Position des Stärkeren ein, so sein zu dürfen wie sie sind. 

Respektvolle Haltung: Mit der Haltung: «Ich respektiere Menschen und bringe ihnen Wertschätzung entgegen», wirst du dir selber und andern Menschen gerecht, ungeachtet deiner und ihrer sexuellen Orientierung. Diese Haltung stützt sich auf folgende drei Tatsachen:
- Alle Menschen sind sexuelle Wesen. Ungeachtet der sexuellen Praktiken, die sie besonders mögen oder des Geschlechts, das sie dabei bevorzugen, haben sie ihren Wert als Menschen aus sich heraus und verdienen deshalb Respekt und Wertschätzung. 
- Vorlieben, Neigungen, Begabungen und Talente aber auch die individuelle sexuelle Orientierung sind Eigenschaften, die Menschen nicht selber wählen oder bestimmen. Daher hat niemand ein Recht, einen anderen wegen seinen Anlagen zu verurteilen oder gering zu schätzen.
- Wir alle sind Fremde, überall. Als Reisende in anderen Ländern, als Grosse unter Kleinen, als Dünne unter Dicken, als Fleischesser unter Vegetariern, als Skifahrer unter Snowboardern. Aber auch als Heterosexuelle unter Homosexuellen. Deshalb ist Anders-Sein kein Grund, jemanden auszugrenzen.

Zahlen: Genaue und zuverlässige Daten zu Homosexualität gibt es nicht. Trotz einer Vielzahl von Studien. Alleine schon eine Definition darüber, was genau Homosexualität ist, wo sie anfängt und wo sie endet, ist nicht eindeutig möglich. Eben weil die Grenzen fliessend sind. So ist schon alleine die Frage: Wie gross ist der Anteil von Homosexuellen in der Bevölkerung?, nicht eindeutig zu beantworten. Nicht alle Menschen, die gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte haben, bezeichnen sich als homo- oder bisexuell. Man geht von einem Anteil zwischen drei und zehn Prozent aus. In Grossstädten ist der Anteil von Homosexuellen meist grösser als auf dem Land. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass einerseits in Städten die Akzeptanz grösser ist und andererseits, dass dort mehr Angebote und entsprechend mehr Gleichgesinnte zu finden sind. Wahrscheinlich spielt hier auch der Umstand eine Rolle, dass in ländlichen Gegenden die Religionen eine grössere Rolle spielen. Nach wie vor wird Homosexualität von diesen problematisiert und weitgehend abgelehnt.

Recht und Gesetz:
- Partnerschaftsgesetz: Am 1. Januar 2007 ist das Bundesgesetz über die eingetragene Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare, kurz Partnerschaftsgesetz (PartG) in Kraft getreten. Das Gesetz stellt gleichgeschlechtliche Paare bezüglich der Beistandspflicht, im Erbrecht, im Sozialversicherungsrecht, in der beruflichen Vorsorge und im Steuerrecht den Ehepaaren gleich. Hingegen bleiben die Adoption eines Kindes durch ein gleichgeschlechtliches Paar und auch der Zugang zu medizinisch unterstützter Fortpflanzung ausgeschlossen. Die im Partnerschaftsgesetz geregelten Aufenthaltsrechte für ausländische Partnerinnen und Partner von Homosexuellen entsprechen im Wesentlichen den Bestimmungen, welche für Ehepaare gelten. Wichtig ist, dass nur bei und während eines gemeinsamen Wohnsitzes ein Aufenthaltsrecht für eine ausländische Partnerin bzw. einen ausländischen Partner in der Schweiz möglich ist. (Gesetzestext: www.admin.ch/ch/d/sr/211_231)
- Persönlichkeitsschutz: Trotz der Bemühungen um Gleichberechtigung und Gleichstellung von homosexuellen Menschen bestehen nach wie vor grosse Unterschiede. Und manchmal werden Homosexuelle auch heute noch diskriminiert, verleumdet, beschimpft usw. Auf gesetzlicher Ebene gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Es empfiehlt sich, rechtliche Schritte in jedem Fall vorher mit einer Anwältin bzw. einem Anwalt oder einer Rechtsberatungsstelle zu besprechen. Vor Diskriminierungen und Kränkungen von Privaten wegen des eigenen Schwul- oder Lesbischseins schützen im Wesentlichen die Bestimmungen des Zivilgesetzbuchs über den Persönlichkeitsschutz (Art. 28–28 l ZGB). Darauf gestützt kann die Unterlassung, Beseitigung, Feststellung oder Berichtigung einer Persönlichkeitsverletzung verlangt werden. Es können unter Umständen auch Schadenersatz und Genugtuung gefordert werden. Bezogen auf die Arbeitswelt ergibt sich ein besonderer Anspruch auf Schutz vor Diskriminierung aus Art. 328 OR.
- Ehrverletzungen: Vor Verleumdungen und (verbalen) Herabsetzungen wegen Homosexualität durch Private schützen auch die Ehrverletzungsdelikte im Sinne von Art. 173–178 StGB. Hingegen sind Schwule und Lesben von der Rassendiskriminierungsstrafnorm nicht erfasst. Das Strafgesetz verbietet dort verschiedene Handlungen oder öffentliche Äusserungen gegen eine Person oder eine Gruppe von Personen wegen deren «Rasse, Ethnie oder Religion» (Art. 261bis StGB), nicht aber wegen deren sexueller Orientierung. Vielleicht wird dies bei einer zukünftigen Reform geändert.
- Diskriminierung: Gegen Diskriminierungen durch staatliche Instanzen und Behörden schützt primär das Diskriminierungsverbot der Bundesverfassung (Art. 8 Abs. 2 BV). Die Bundesverfassung verbietet es, jemanden wegen seiner «Lebensform» zu diskriminieren (Art. 8 Abs. 2 BV). Unter «Lebensform» fällt zum Beispiel auch eine homosexuelle Orientierung. Dies bedeutet, dass Bund, Kantone und Gemeinden Unterscheidungen aufgrund der sexuellen Orientierungen nur vornehmen dürfen, wenn sie besonders gut begründet sind. Was eine solche besonders gute Begründung ist, ist Auslegungssache. Möglich sind zum Beispiel spezielle Angebote der Aids-Prävention an Schwule oder Lesben, wenn und insoweit diese über andere Präventionsmassnahmen ansprechbar sind als Heterosexuelle. Auf der Basis des Diskriminierungsverbots sind bereits verschiedene Entscheide zu Gunsten von Schwulen und Lesben ergangen: Zum Beispiel entschied das Verwaltungsgericht Zürich gestützt auf das Diskriminierungsverbot, dass die Behörden eine Standaktion auf öffentlichem Grund verbieten können, wenn Plakate diskriminierende Bemerkungen über Schwule und Lesben enthalten. Oder das Verwaltungsgericht Bern hat entschieden, dass die Verweigerung einer Aufenthaltsbewilligung für den ausländischen Partner oder die ausländische Partnerin gegen das Diskriminierungsverbot verstossen kann, wenn sie im gleichen Fall einem heterosexuellen Partner / einer heterosexuellen Partnerin (auf Grund der Ehe mit einer Schweizerin oder einem Schweizer) gewährt würde. Daneben hat das Diskriminierungsverbot eine bedeutende politische Signalwirkung: So war es auch in der Diskussion um eine registrierte Partnerschaft ein gewichtiges Argument.

Spickzettel 
- Homosexualität ist eine gesunde Form menschlicher Sexualität.
- In der Schweiz gibt es rechtliche Grundlagen, die gemischt- und gleichgeschlechtliche Beziehungen anerkennen. Die rechtliche Gleichstellung ist allerdings noch nicht ganz erreicht.
- Eine respektvolle Haltung drückt sich aus im Satz: «Ich respektiere Menschen und bringe ihnen Wertschätzung entgegen.»

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