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Sexuelle Orientierung – was ist normal?

Wie entwickelt sich sexuelle Orientierung? Menschen entscheiden nicht selber, von welchem Geschlecht sie sich angezogen fühlen wollen. Von einer sexuellen Orientierung spricht man, wenn eine langfristige gefühlsmässige und sexuelle Anziehungskraft zu Partnerinnen bzw. Partnern eines bestimmten Geschlechts besteht. Wie genau sexuelle Orientierung bei Menschen entsteht, ist nicht geklärt. Man vermutet, dass dabei biologische, psychologische und soziale Komponenten eine Rolle spielen. Das heisst, dass genetische und hormonelle Faktoren, seelische Voraussetzungen und das nähere und weitere Umfeld einen Einfluss haben. Man hat aber bisher kein Gen gefunden, welches eindeutig die sexuelle Orientierung bestimmt. Kaum ein Mensch ist ganz und gar heterosexuell veranlagt, die meisten haben mehr oder weniger stark ausgeprägte homosexuelle Neigungen.

Sind sexuelle Erfahrungen mit beiden Geschlechtern normal? Auch wenn Jugendliche in der Pubertät manchmal gleichgeschlechtliche Sexualkontakte haben (z.B. indem Jungs gemeinsam onanieren und sich gegenseitig stimulieren und erregen oder indem Mädchen miteinander Petting haben und Zungenküsse ausprobieren), heisst das nicht, dass sie homosexuell sind. Jedoch gilt umgekehrt auch, dass Jugendliche nicht zwingend heterosexuell sind, wenn sie sexuelle Erfahrungen mit Menschen vom anderen Geschlecht machen. Sexuelle Experimente in der Pubertät sind keine Seltenheit und sie sind in allen erdenklichen geschlechtlichen Kombinationen möglich. Zum Beispiel, weil ein geeigneter Partner vom anderen Geschlecht fehlt. Oder weil man sich eher traut, mit seiner besten Freundin bzw. seinem besten Freund Sex auszuprobieren, als jemanden zu fragen, den man nicht oder weniger gut kennt. Und manche Jugendliche haben zum Beispiel gar keine andere Möglichkeit, als gleichgeschlechtliche Erfahrungen zu sammeln, weil in ihrer Kultur Beziehungen und Sex vor der Ehe verboten sind.

Welche Rolle spielt der kulturelle Hintergrund? Wenn man über sexuelle Orientierung spricht, ist wichtig zu wissen, dass die Begriffe «heterosexuell» bzw. «homosexuell»  und «bisexuell» kulturell beeinflusst sind. Das bedeutet, dass nicht überall und in jedem Zusammenhang dasselbe Verhalten gleich aufgefasst wird. Eine lange Umarmung unter Männern oder Frauen wird von verschiedenen Menschen anders interpretiert. Dabei spielt auch eine Rolle, wo die Umarmung stattfindet (ob im Schulzimmer, auf dem Bahnhof oder auf dem Fussballfeld, in einer Kirche, Moschee oder Synagoge). Zudem spielt eine Rolle, welcher kulturelle Hintergrund den handelnden Personen zugeschrieben wird. Die Worte «heterosexuell», «homosexuell» und «bisexuell» sollen vor allem helfen, ein bestimmtes menschliches Verhalten und bestimmte Bevorzugungen einzuordnen. Dadurch entsteht zwar Klarheit und Orientierung, manchmal aber auch Fehleinschätzung und Einengung in der Freiheit, sich und seine Gefühle vielfältig auszudrücken. Denn oft ist mit der Einordnung auch eine Bewertung verbunden. Im Falle von sexueller Orientierung meist diejenige, dass Heterosexualität zweifellos gut sei, während Homosexualität auch schlecht sein könnte. Wenn solche Bewertungen zu Überzeugungen werden, wird oft behauptet, dies oder jenes sei normal oder natürlich. Bei genauer Betrachtung erweist sich das als trügerisch. Mehr dazu unter «Ist Homosexualität natürlich?».

Ist Homosexualität natürlich? Es gibt immer wieder Bewegungen die versuchen, homosexuelle Menschen zu «ändern», sie auf den «richtigen Weg» zu bringen und ihre sexuelle Orientierung zu «korrigieren». Dies mit der Idee im Hinterkopf, dass in jedem Menschen eigentlich Heterosexualität als die «rechte» sexuelle Orientierung angelegt ist und dass diese ursprüngliche Anlage mittels Therapie wieder hervorgebracht werden kann. Dies ist Unsinn. Keine sexuelle Orientierung ist die eigentliche oder richtige und es ist auch keine «besser» oder «schlechter». Genau so wenig, wie braune Augen besser als blaue sind oder die Vorliebe fürs Lesen besser als die fürs Skifahren ist. Die Tatsache, dass aus homosexuellen Beziehungen keine Kinder entstehen können, wird manchmal benützt um zu behaupten, Homosexualität sei deshalb unnatürlich. Dabei wird vergessen, dass gerade bei der menschlichen Art wie auch bei einigen Tierarten die Sexualität nicht nur der Fortpflanzung, sondern auch der Bindung und der Festigung der Beziehung dient. Auch heterosexuelle Paare leben ihre Sexualität oft vor allem unter diesem Aspekt. Man weiss mittlerweile, dass auch im Tierreich Homosexualität keine Seltenheit ist. Bei mehr als 450 Spezies haben Forscher und Forscherinnen homosexuelle Verhaltensweisen beobachtet, so auch bei Schimpansen, Delfinen, Gorillas, Löwen, Seehunden, Sumpfhühnern, Königspinguinen, Rosa-Flamingos, Elstern und Schwänen. Homosexualität ist eine der vielfältigen und wertvollen sexuellen Verhaltensweisen des Menschen.

Spickzettel
- Sexuelle Orientierung kennt viele Nuancen.
- Viele Menschen kennen Zeiten des sexuellen Ausprobierens mit beiden Geschlechtern.
- Erst bei lange dauernden sexuellen und gefühlsmässigen Bindungen spricht man von Homo-, Bi- oder Heterosexualität.
- Nicht überall und in jedem Zusammenhang wird das gleiche Verhalten gleich aufgefasst.
- Die Begriffe Bi-, Homo- und Heterosexuell geben Orientierung, können aber auch Einengen.
- Sexualität dient nicht nur der Fortpflanzung sondern auch der Bindung.
- Homo- und Bisexualität kommt wie Heterosexualität auch bei vielen Arten im Tierreich vor.
- Homosexualität ist eine der vielfältigen und wertvollen sexuellen Verhaltensweisen des Menschen.

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