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Stufenleiter der Werte

Richtig und Falsch – nicht überall gleich: Jede Gemeinschaft hat eigene Spielregeln, sogenannte Werte und Normen. Verschiedene Verhaltensweisen gelten als gut und richtig, anständig und rücksichtsvoll, löblich und bewundernswert – andere hingegen als böse und falsch, unanständig und rücksichtslos, tadelnswert und verabscheuungswürdig. Solche Werte und Normen unterscheiden sich von Gemeinschaft zu Gemeinschaft und besonders deutlich von Kultur zu Kultur. Manche sind dir bewusst, manche hast du sogar zu hören bekommen: «Sei anständig bei Tisch!» – «Lerne, damit etwas aus dir wird!» – «Sei nicht vorlaut, sondern warte bis du gefragt wirst!» – «Gib dich nicht mit falschen Leuten ab!» usw. Andere sind dir weniger oder gar nicht bewusst, vielleicht die Idee, dass es nicht gut ist, dich in den Mittelpunkt zu stellen, oder die Idee, dass du nur ein guter Mensch bist, wenn du dich für andere aufopferst usw.

Wie kann ich herausfinden, was richtig und wichtig ist? Wie du dich in einzelnen Situationen verhalten sollst, ist nicht immer einfach zu entscheiden. Es kann sich aber lohnen, gut über die eigenen Werte und Normen nachzudenken oder mit anderen zu diskutieren. Stell dir die Frage, woher sie kommen, und warum du so oder so reagieren könntest oder möchtest.

Teste dich: Was den Menschen wichtig und richtig erscheint, hängt nur teilweise von ihren Lebensumständen ab. Ein amerikanischer Psychologe, Lawrence Kohlberg, hat die Entwicklung menschlicher Werte untersucht. Er stellt dar, dass die Werte eines Menschen und die Begründung seines Verhaltens einer Entwicklung unterworfen sind. Anhand der folgenden Einteilung kannst du dich fragen, wo du dich in welchen Belangen einordnen würdest – und wo du gerne wärst:
- Erste Stufe: Du richtest dein Verhalten nur nach dir selber. Was dir etwas bringt, machst du. Was dir Schaden einträgt, lässt du – egal, was mit anderen dabei passiert. Belohnungen und Strafen können dein Verhalten beeinflussen. Als Begründung für deine Handlungen genügt der Satz: «... weil ich es will».
- Zweite Stufe: Du merkst, dass es für dich Vorteile hat, wenn du die anderen berücksichtigst. Du weisst, dass sie auch Interessen haben, und richtest dich so ein, dass ihr gemeinsam möglichst gut wegkommt. Dabei gilt das Prinzip der wechselseitigen Gerechtigkeit: Du gibst etwas, damit du etwas bekommst, oder du schonst jemanden, damit er auch dich schont. Die Begründung deiner Handlungen lautet: «... weil es mir schliesslich nützt».
- Dritte Stufe: Du richtest dich nach der Mehrheit. Du tust, was alle tun, und findest gut, was alle gut finden. Dabei stehen für dich die Gewohnheiten, die Einstellungen und die Rollenmuster deiner Bezugsgruppe – sei es die Familie, die Schulklasse, eine Clique – im Vordergrund. Du begründest deine Handlungen mit dem Satz: «... weil wir es so machen».
- Vierte Stufe: Du merkst, dass die Gesellschaft ein Gebilde von Menschen ist, die du zum grössten Teil nicht kennst. Das Motto «wie du mir, so ich dir» und Gruppenregeln garantieren also nicht viel. Du siehst ein, dass gewisse Regeln und Gesetze nötig sind, damit das Zusammenleben einigermassen funktionieren kann. Die Begründung für deine Handlungen lautet: «... weil es nötig ist, damit die Gesellschaft nicht ins Chaos stürzt».
- Fünfte Stufe: Du erkennst, dass auch gut organisierte Gesellschaften mit strengen Gesetzen sehr ungerecht sein können und dass es in gewissen Fällen besser sein kann, sich für die Veränderung der Gesetze einzusetzen oder aber sie zu missachten. Jetzt lautet die Begründung für deine Taten: «... weil es gerechter ist als die herrschenden Normen und Gesetze».
- Sechste Stufe: Du wägst alle möglichen Standpunkte sorgfältig ab und gibst dabei deinem eigenen Standpunkt kein besonderes Gewicht. Dabei achtest du weder auf den eigenen Nutzen oder Schaden noch auf die herrschenden Normen und Gesetze. Die Begründung für dein Verhalten heisst: «... weil es gut ist, egal wer ich bin, was ich will und wo ich lebe».

Und wo stehen die anderen? Kohlberg hat viele Menschen getestet und auf seiner Stufenleiter eingeordnet. Dabei hat er festgestellt, dass die grosse Mehrheit nicht über die dritte Stufe hinauskommt. Auf welcher Stufe sich ein Mensch befindet, hat nur wenig damit zu tun, was er sonst denkt und glaubt – er kann religiös sein oder nicht, er kann gebildet sein oder ungebildet.
Je höher die Stufe ist, die ein Mensch erreicht, desto weniger sind seine Mitmenschen in Gefahr, unter dem Egoismus dieses Menschen zu leiden. Interessant ist die Beobachtung, dass Menschen in bedrohlichen Situationen auf der Stufenleiter zurückfallen.

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