3. FEBRUAR 2026
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ÄNGSTE & UNSICHERHEITEN
«Traumatische Ereignisse»
Mädchen, 16 Jahre
Ich (w, 16) habe das Unglück im Le Constellation fast unverletzt überlebt. Seitdem habe ich Albträume, Konzentrationsprobleme und Schuldgefühle. Was kann ich tun – hört das wieder auf?
«Ich, w, 16, war in der Silvesternacht im Le Constellation in Crans-Montana. Ich hatte unglaubliches Glück, ausser einer Rauchvergiftung hatte ich keine Verletzungen. Das Unglück lässt mich nicht los. Ich kann kaum noch schlafen, und wenn ich mal schlafe, erwache ich schreiend. Ich kann mich überhaupt nicht mehr konzentrieren, fange einfach plötzlich an zu heulen und muss mich zum Essen überwinden. Ich empfinde keine Freude mehr. Gleichzeitig fühle ich mich schlecht, weil ich so viel Glück hatte, und andere nicht. Was soll ich jetzt machen? Hört das jemals wieder auf?»
Hallo
Es ist stark, dass du dich bei uns meldest und damit nicht länger allein bleibst.
Du beschreibst Schlaflosigkeit, Alpträume, Appetitlosigkeit, Konzentrationsstörungen und Schuldgefühle. Diese Reaktionen kommen nach belastenden Ereignissen häufig vor und sind völlig normal. Viele Menschen haben emotionale und/oder körperliche Reaktionen, wenn sie etwas Schlimmes erlebt haben. Manchmal treten diese Reaktionen sofort nach dem Ereignis auf, manchmal auch erst Tage, Wochen oder Monate später. Es kann zu ganz unterschiedlichen Reaktionen kommen.
Die folgenden und ähnliche Reaktionen nach einem aussergewöhnlich belastenden Ereignis sind normal:
- Körper: Verspannungen, Zittern, Kopfschmerzen, Erschöpfung, Herzrasen, Schwitzen, Übelkeit, Kloss im Hals, Benommenheit, Nervosität, Schlaflosigkeit
- Gedanken: Konzentrationsschwierigkeiten, Leere im Kopf, sich aufdrängende Erinnerungen, erhöhte Wachsamkeit, Gedankenkreisen, Albträume
- Gefühle: Gefühlstaubheit, Angst, Hilflosigkeit, Trauer, Gefühlsausbrüche, Schuldgefühle, Scham, Wut, Ärger, Enttäuschung, Unsicherheit, Niedergeschlagenheit
- Verhalten: mangelndes Interesse an dem, was vorher wichtig war, innerer und sozialer Rückzug, Schweigen, plötzliches Weinen, Vermeidungsverhalten, erhöhte Reizbarkeit, Appetitlosigkeit oder Heisshunger, Rastlosigkeit, vermehrter Konsum von Alkohol und anderen Suchtmitteln, ungewohntes Verhalten
Die Stressreaktionen können sich einige Stunden, Tage oder Wochen zeigen. Dies ist sehr unterschiedlich von Mensch zu Mensch.
Du hast einen ersten mutigen Schritt gemacht: Du hast dich bei uns gemeldet. Es ist wichtig, dass du mit Vertrauenspersonen in deinem Umfeld darüber sprichst, wie es dir geht und was du fühlst. Deine Gefühle müssen weder logisch noch für andere nachvollziehbar sein. Alles, was du fühlst, ist okay. Die Gefühle oder auch Erinnerungen können plötzlich auftreten und überwältigend sein. Falls du gerade mit niemandem reden kannst, zum Beispiel abends oder nachts, kannst du deine Gedanken und Gefühle aufschreiben. Dies kann helfen, damit du zur Ruhe kommen kannst.
Folgende Tipps können dir in dieser schwierigen Zeit helfen:
Setze dich nicht unter Druck, dass du so schnell wie möglich wieder funktionieren musst. Es braucht Zeit und Geduld, so etwas zu verarbeiten. Du solltest dir und deinem Körper Erholung gönnen und Raum für deine Gefühle. Wenn dir danach ist, darfst du weinen, schreien und wütend sein. Es ist besser, die Gefühle rauszulassen, als sie zu unterdrücken oder zu verstecken. Lies gerne auch unseren Text über Trauer.
Trotz Appetitlosigkeit ist es notwendig, dass du dich ausgewogen ernährst und genügend trinkst. Dein Körper braucht die Nährstoffe, um zu funktionieren. Hilfreich sind auch frische Luft, Bewegung (Spaziergang oder Sport) und Schlaf, sofern das möglich ist. Schau, was dir gut tut.
Versuche, deinen Alltag möglichst bald wieder aufzunehmen. Dies kann helfen, wieder ein Gefühl von Normalität zu entwickeln und es hilft, dich zumindest zeitweise abzulenken. Mache Dinge, die du früher gerne gemacht hast, auch wenn sie dir gerade nicht so viel Spass machen. Es gibt dir ein Gefühl von Sicherheit, dich mit Vertrautem zu beschäftigen.
Es ist normal, dass du intensive Erinnerungen und Gedanken an das Ereignis hast. Mit der Zeit werden diese Erinnerungen verblassen und weniger häufig auftreten.
Du musst nicht alles auf einmal machen. Es ist besser, kleine Schritte zu gehen. Es ist okay, wenn ein Tag einigermassen funktioniert und der nächste ganz und gar nicht.
Du darfst dir jederzeit zusätzliche Unterstützung von einer Fachperson holen. Niemand muss so etwas Traumatisches allein bewältigen.
Manchmal kann es sein, dass die Beschwerden länger anhalten und nicht schwächer werden. In einzelnen Fällen können sich aus Traumata auch Folgestörungen wie PTBS, Depression, Angststörung oder andere Traumafolgestörungen entwickeln. In solchen Fällen ist es wichtig, sich möglichst früh Hilfe von einer Fachperson zu holen.
Was ist PTBS?
PTBS ist die Kurzform für Posttraumatische Belastungsstörung, manchmal auch PTSD (Post Traumatic Stress Disorder) genannt. Unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) versteht man die anhaltende psychische Reaktion auf ein belastendes Ereignis von aussergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalem Ausmass. Warum manche Menschen eine PTBS entwickeln und andere nicht, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Symptome bei PTBS sind (unter anderem): Flashbacks, Anspannung und Gefühl von dauernder Bedrohung, Vermeidungsverhalten sowie negative Veränderungen von Gedanken und Gefühlen. Die Diagnose kann nur eine Fachperson stellen. Umso früher PTBS behandelt wird, umso besser sind die Heilungschancen.
Wir wünschen dir viel Kraft bei der Verarbeitung der belastenden Ereignisse.
Liebe Grüsse, dein 147